Ich beschäftige mich schon seit langem mit dem Lernen. Insbesondere weil ich sagen muss, dass mir lernen nie so ganz einfach gefallen ist und dass der Aufwand bei mir meist nicht in Relation zum Ergebnis stand. Ich war nicht wirklich schlecht in der Schule, gutes Mittelfeld würde ich sagen, aber ich hatte immer den Eindruck, dass meine Noten nicht dem entsprachen, was ich leisten könnte.

Irgendwann, lange nach meinem Abitur und diversen Studienversuchen, wurde mir klar: Ich lerne falsch. Das war der Zeitpunkt an dem ich mehr über das Lernen wissen wollte. Seit dieser Zeit habe ich unzählige von Bücher zu diesem Thema verschlungen.
Insbesondere jetzt, wo mein zweiter Sohn in der Schule ist und ich merke, dass auch er Probleme mit dem Lernen hat, war es an der Zeit mich noch mal weiter mit dem Thema zu beschäftigen, diesmal mit Fokus auf das Lernen in der Grundschule.
Vor kurzem stolperte ich dabei bei Amazon über dieses Buch "Zappelphilipp und Störenfrieda lernen anders" von Jeffrey Freed
. Ich hatte bisher eigentlich nur gedacht, dass mein zweiter Sohn unglaublich kreativ und musisch begabt sei und dass er offensichtlich eine Konzentrationsschwäche habe.
Nach dem ich dieses Buch gelesen hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Der alte Wippelstetz, das kleine Plappermäulchen, der ewige Diskutierer und Regelumgeher er hat ADS und ich auch und der Große auch und mein Mann auch. Haben wir nicht alle ein bisschen ... - Spaß beiseite, ich habe mich und meine Kinder in diesem Buch so wieder finden können, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.

Freed beschreibt zunächst, was man sich unter einem aufmerksamkeitsgestörten Kind vorstellen muss, welche negativen und vor allem positiven Eigenschaften es hat und wie es dazu kommen kann. Er erwähnt in diesem Zusammenhang, dass sich unsere Gesellschaft weg vom verbalen hin zum visuellen Lernen entwickelt und dass die Schulen sich besser darauf einstellen würden. Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität sei wohl hauptsächlich vererbt, würde aber durch die visuellen Medien sehr verstärkt.
Er ist der Ansicht, dass hyperaktive Kinder mit Aufmerksamkeitsstörung allesamt rechtshemisphärisch sind, d.h. sie unglaublich visuell denken und die Informationen nicht sequentiell, sondern zufällig verarbeiten. Erklärt man diesen Kindern etwas, so müssen sie zunächst die Worte in Bildern um Kopf übersetzen, was Zeit in Anspruch nimmt, so dass sie irgendwann dem Gesagten nicht mehr folgen können. Der Redner hat den Eindruck, das Kind höre ihm gar nicht zu.
Diese rechtshemisphärischen Kinder haben neben der Hyperaktivität meist auch eine Hypersensibilität, will heißen, sie hören mehr, sie sehen mehr, sie riechen mehr und sie fühlen mehr. Er gibt hier das Beispiel, dass diese Kinder darauf bestehen, dass man ihnen die Etiketten aus der Kleidung schneidet. Wie oft habe ich das bei mir und meinem Siebenjährigen schon machen müssen?
Die Kinder sind zudem sehr impulsiv, selbstkritisch, überaus perfektionistisch, meist motorisch entwicklungsverzögert und verfügen über eine unglaubliche Intuition.
Unser Schulsystem ist aber auf Kinder ausgerichtet, die sequentiell denken, die Ordnung und Sauberkeit für wichtig erachten und die durch Wiederholung lernen. Aber nichts ist einem rechtshemisphärischen Kind mehr zuwider als Wiederholung. Es braucht immer wieder neue Impulse und möchte gefordert werden, Routine langweilt es und es wird abschalten.
Da die Schule außerdem ausschließlich auf dem Lernen durch Zuhören basiert, haben hier rechtshemisphärische Kinder extreme Nachteile, weil ihr verbales Gedächtnis im Gegensatz zum visuellen Gedächtnis schlecht entwickelt ist.
Das visuelle Gedächtnis der Kinder führt dazu, dass Buchstaben nicht als Symbole erkannt werden, sondern eben als räumliche Gegenstände. So ist ein "b" und "d" für diese Kinder kaum zu unterscheiden. Weil es der gleiche Gegenstand in verschiedenen Ansichten ist.
Obwohl die aufmerksamkeitsgestörten Kinder meist übersensibel sind und überdurchschnittlich hören, so fällt ihnen die Unterscheidung von Vokalen oftmals sehr schwer. Den Unterschied von "ie" und "ü" ebenso wie der von "u" und "o" ist für sie oft nicht hörbar. Das ist auch der Grund warum bei diesen Kindern die neuen Methoden des Schreibenlernens oft versagen.
Ihr hervorragendes visuelles Gedächtnis führt dazu, dass sie sich falsch geschriebene Wörter sofort einprägen. Das habe ich bei meinem großen Sohn leidvoll erfahren müssen. Der durch die Art des Rechtschreiblernens jetzt eine 4- in diesem Fach hat. Schönen Dank auch.
Freed, der sich lange mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern beschäftigt hat, gibt aber in seinem Buch auch viele Tipps, wie man diese Kinder trotz allem oder eben genau deswegen zu großen Erfolgen in der Schule führen kann.
Wichtig ist für ihn hierbei, die Kinder nicht zu sehr unter Druck zu setzen, einen Überblick über den Lernstoff zu geben, spielerisch zu lernen, Farben einzusetzen, mit ihnen Visualisierung zu üben und sie zu fordern, das heißt sie mit Stoff aus höheren Klassen zu konfrontieren mit der Gewissheit, dass sie das bewältigen können und ihr Selbstbewusstsein dadurch aufgebaut wird.
Für mich war das Buch absolut lesenswert und würde sagen, es hat mein Weltbild nachhaltig verändert. Man sollte das Buch allerdings nur lesen, wenn man denkt, dass das eigene Kind auf die Beschreibung passt oder man sich selbst darin wieder findet. Linkshemisphärische Menschen kommen in diesem Buch nämlich unglaublich schlecht weg, was meiner Meinung nach auch der einzige Kritikpunkt an diesem Buch ist.
